Sarah Kuttner: Mängelexemplar
Karo, eine junge Frau in den Zwanzigern verlässt die geordneten Bahnen ihres bisherigen Lebens, das aus coolem Job in der Eventbranche, Party und Großstadtfeeling bestand. Plötzlich ist der Job weg, der Erfolg bleibt aus, der einst dynamische Alltag trudelt vor sich hin und wankt, die Beziehung, ohnehin als längst überfällig eingestuft, wird beendet. Das Tempo, das ihr Leben stets beherrschte, existiert nicht mehr. Stillstand und Nullpunkt.
Karo gerät ins Grübeln und beginnt aufzuräumen, sieht eine Chance, ihr Leben neu und aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und will sie ergreifen. Mitten in diese Umbruchphase hinein geschieht jedoch etwas völlig Unerwartetes: Sie erleidet eine Panikattacke, die als Begleitsymptom einer Depression auftreten kann.
Die Autorin Sarah Kuttner, VIVA Moderatorin und Kolumnistin, kennt den Alltag, in dem sie ihre Heldin agieren und leiden lässt. Sie kennt auch den Erfolgsdruck und die Atemlosigkeit eines Lebens, in dem das Tempo alles begleitet und bestimmt. Sie platziert das ernste Thema der Krankheit Depression in den Mittelpunkt ihres Romans „Mängelexemplar“, der man sonst eher im Zusammenhang mit Menschen, die zehn, zwanzig Jahre älter sind, begegnet oder in einem anderen gesellschaftlichen Kontext. Kuttner betont, dass sie keine Autobiographie geschrieben habe, aber die Heldin ist ihr sehr nahe. Karo vermittelt zugleich das Lebensgefühl dieser Generation und verdeutlicht die Anforderungen, denen sie ausgesetzt ist. Es ist kein Platz für Stillstand. Keine Chance für Menschen mit Mängeln.
Die hervorstechende Eigenschaft einer Depression ist der Mangel: Mangel an Freude, an Leichtigkeit, an Helligkeit. Wenn nur noch der Mangel existiert, verliert alles andere an Bedeutung, und das Leben erstarrt. „Mängelexemplar” ist ein gut gewählter Titel eines temporeich erzählten Romans.